Nick Sloane (53) ist nervös. Der Südafrikaner leitet die grösste Schiffsbergung aller Zeiten. Er trägt die Verantwortung für über 350 Mitarbeiter, die in den kommenden Tagen das Wrack der Costa Concordia flottmachen und anschliessend von Giglio in den Hafen von Genua abschleppen werden.
Die Bergungsaktion ist gefährlich. Nach über zweieinhalb Jahren im Salzwasser hat sich das einst grösste Kreuzfahrtschiff Italiens in einen instabilen Rosthaufen verwandelt. Das Wrack droht auseinanderzubrechen, wenn es heute von den sechs Plattformen gehoben und rund 30 Meter von der Küste weggeschleppt wird.
Bricht der Rumpf, ist ein Transport nach Genua unmöglich. Das Schiff müsste vor Ort abgebaut werden – für den Experten Sloane eine absolute Notlösung.
Ausserdem würden sich Trümmer auf dem Meeresboden verteilen, Dieselöl und giftige Chemikalien unter anderem von Putzmitteln gelangten ins Meer.
Umweltministerium besorgt
Das italienische Umweltministerium teilte im Vorfeld der Bergung mit, «in höchstem Masse besorgt» zu sein. Und auch Umweltorganisationen sind beunruhigt. Greenpeace Italien gab zu bedenken, dass die Abschlepp-Route durch ein Meeresschutzgebiet führt, wo sich Wale und Delfine tummeln.
Doch das zuständige Abschlepp-Unternehmen winkte ab: Um zu verhindern, dass es auf der letzten Reise der Costa Concordia zur ökologischen Katastrophe kommt, würden verschiedenste Vorsichtsmassnahmen getroffen.
So sollen, nachdem das Schiff angehoben worden ist, alle beweglichen Gegenstände im Schiff wie Möbel, Geschirr, Matratzen und Koffer aus dem Wrack entfernt werden. Das Schiff wird auf Risse untersucht und der Rumpf mit Ketten gesichert. Auch soll das in den Tanks verbliebene Dieselöl abgepumpt werden, bevor sich das Schiff auf den Weg gen Norden macht.
Wasser- und Luftraum gesperrt
Zehn Schiffe der Küstenwache und der Polizei werden die Costa Concordia bei ihrer letzten Reise begleiten. Sie achten darauf, dass sich kein anderes Schiff dem Wrack nähert. Ausserdem behalten Meeresbiologen und weitere Wissenschaftler an Bord die Wasserqualität im Auge und verscheuen Meerestiere. Weiter wird auch der Luftraum über dem Konvoi gesperrt.
Eine Gefahr jedoch bleibt: das Wetter. Sollte es unerwartet zum Sturm kommen, könnte das Schlimmste geschehen. So würde das Wrack hohen Wellen nicht standhalten.
Bedeutend gefährlicher wäre es laut dem Chef des italienischen Zivilschutzes allerdings, das Schiff weiterhin vor Giglio vor sich hinrosten zu lassen. Einen nächsten Winter würde es wohl nicht überleben, ohne auseinanderzubrechen. Für die Umwelt wäre es deshalb viel gefährlicher, das Schiff vor Giglio zu belassen, als es abzutransportieren, sagt Franco Gabrielli. (lha)
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