Krieg im Irak, in Syrien, Israel und der Ukraine: Gibt es diesen Sommer mehr blutige Konflikte als in den letzten Jahren?
Kurt R. Spillmann*: Es scheint, als gebe es mehr Kriege. Statistisch gesehen ist dies aber nicht der Fall. Die Informationsgesellschaft erlaubt uns, alle Konflikte quasi in Echtzeit zu verfolgen. Deshalb erleben wir gerade eine Häufung der sichtbaren Gewalt. Allerdings: Die Menschen sind heute wieder eher bereit, Konkurrenzsituationen und Konflikte durch Gewalt zu lösen.
Woher kommt das?
Der Mensch war immer auch eine Bestie. Er nimmt nur ganz schwer Abstand von Gewalt. Zwei amerikanische Primatenforscher haben festgestellt: Menschen und Schimpansen sind gegenüber ihren eigenen Artgenossen die brutalsten Lebewesen, die es gibt. Sie verfolgen ihre Gegner, auch wenn sie schon zurückgeschlagen sind. Sie sind erst zufrieden, wenn sie sie umgebracht haben. Hinzu kommt: Die Menschen, die den Zweiten Weltkrieg und seine Gewalt noch am eigenen Leib erfahren haben, sterben langsam aus. Die Gewalt verliert ihren Schrecken, sie ist für viele Völker und Eliten wieder ein legitimes Mittel, sich durchzusetzen. Es ist sehr viel leichter, Gewalt anzuwenden, als etwas mit Kooperation zu erreichen.
Wir sehen Fotos von Kindern, die mit abgetrennten Köpfen posieren, Bilder von Gekreuzigten, Bilder von toten Kindern. Ist der Krieg heute so brutal wie nie?
Es gab solche Szenen in allen Kriegen. Heute aber ist das Grauen nicht nur für direkt Beteiligte sichtbar, sondern für alle. Die Medien sind in Konfliktgebieten präsent, die Kämpfer machen selbst Fotos und verbreiten sie über die sozialen Netze. Die Men schen, die töten, scheinen stolz darauf zu sein.
Sind diese Bilder Teil der psychologischen Kriegsführung?
Absolut, sie werden gezielt genutzt, um Lähmung durch Schrecken zu bewirken.
Traumatisieren sie uns?
Nein, wir sind an Gewalt in Film und Videospielen gewöhnt. Erst wenn es um eigenes Leiden geht, droht eine Traumatisierung.
Besonders brutal sind die Kämpfer der Organisation Islamischer Staat. Wie kann es sein, dass dort junge Leute auch aus Europa ihren Blutrausch ausleben?
Der Mensch ist evolutionär mit grosser Gewaltbereitschaft ausgestattet. Wir haben eine aggressive Natur und Lust an der Gewalt. Unsere Erziehung und unsere Normsysteme versuchen diese wilde Grundnatur zu domestizieren. Aber jetzt sieht man, wie schnell die Gewaltbereitschaft wieder an die Oberfläche kommt.
Warum kämpfen Menschen im Namen des Islam so brutal?
Gewalt im Namen einer Religion ist die gefährlichste. Die islamischen Kämpfer sind überzeugt, dass sie an der Errichtung von Gottes Reich arbeiten. Damit rechtfertigen sie ihre Brutalität. Schon Sigmund Freud sagte, dass Gewalt nie so schonungslos angewandt wird, wie wenn der Betreffende glaubt, in höherem Auftrag unterwegs zu sein. Wenn Gewalt religiös motiviert ist, ist sie für den Betreffenden legitim. Wer mit religiöser Absolutheit in einen Konflikt zieht, ist weder kompromisswillig noch kompromissfähig.
Vor 100 Jahren starben junge Männer gern fürs Vaterland. Heute will das kaum einer.
Nationalismus motiviert die Jugendlichen in Europa nicht mehr, ihr Leben zu opfern wie 1914. Anders der Islam: Dort scheint das Sterben für den Glauben eine tragende Motivation zu sein. Das sieht man bei den wilden Banden, die mit grossem Feuer in Syrien und dem Irak kämpfen. Dank ihrer Motivation und ihrer modernen Bewaffnung sind sie so schlagkräftig wie eine reguläre Armee.
Die Gruppe Islamischer Staat hat innerhalb kürzester Zeit einen eigenen Staat auf die Beine gestellt. Wird er auf Dauer lebensfähig sein?
Mich erinnert das rasche Vordringen des IS eher an Dschingis Khan und die Mongolen. Das ist keine nachhaltige Staatsgründung. Die Banden von jungen Kämpfern werden kaum in der Lage sein, eine dauerhafte Gesellschaft zu organisieren. Der Keim des Widerstands ist durch die Unterdrückung so vieler Menschen doch bereits gesät!
* Professor Kurt R. Spillmann (77) ist Historiker und Konfliktforscher. An der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich lehrte er 16 Jahre lang Sicherheitspolitik sowie Konfliktforschung und leitete die Abteilung für Militärwissenschaften.
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