Verwahrung für Maries Mörder? Streit um psychiatrischen Gutachter

Written By Unknown on Rabu, 07 Mei 2014 | 17.03

LAUSANNE - Ein Jahr nachdem Claude D. die Pfarrerstochter Marie (†19) in sein Auto zerrte und tötete, ist die Untersuchung noch immer nicht abgeschlossen. Die Anwälte streiten sich um seine Therapierbarkeit.

Die Waadtländer Staatsanwaltschaft sucht derzeit einen Experten, der das zweite psychiatrische Gutachten erstellt. Die Anwälte streiten aber auch um den Blog des Opfers.

Damit die Anklage eine lebenslängliche Verwahrung im Sinne der Verwahrungsinitiative fordern kann, müssen zwei psychiatrische Expertisen vorliegen.

Die Resultate des ersten Gutachtens belasten den mutmasslichen Täter Claude D. (37) schwer. Der Mann wird als Psychopath und als nicht therapierbar auf Lebenszeit beurteilt.

Die Suche nach einem zweiten Gutachter gestaltet sich nicht einfach. Der Experte sollte sich zuvor nie mit dem Täter beschäftigt haben. Der Waadtländer Generalstaatsanwalt Eric Cottier sucht deshalb in der Deutschschweiz.

Zunächst wollte er zwei Basler Gutachter mit der Aufgabe betrauen. Weil einer der beiden Experten jedoch entfernt mit dem Angeklagten zu tun hatte, wird nun ein Solothurner vorgeschlagen.

Ist ein Schweizer Gutachter nicht unabhängig genug?

Die Verteidigung zieht aber einen ausländischen Experten vor. Beispielsweise aus Frankreich, «wo das Delikt weniger Echo hatte als in der Schweiz», wie Loïc Parein, Anwalt des Täters, der Nachrichtenagentur sda sagte. Seiner Ansicht nach ist die Unabhängigkeit der zweiten Expertise ohnehin beeinträchtigt, weil die Resultate der ersten veröffentlicht wurden.

Zudem erklärt der Verteidiger, dass es unmöglich sei, mit Bestimmtheit einen 37-jährigen Mann bis ans Lebensende als nicht therapierbar zu erklären. Er stützt sich auf das Bundesgerichtsurteil zum Tötungsdelikt des Au-pair-Mädchens Lucie.

Der Streit ist noch nicht beigelegt. Sobald der zweite Experte einmal nominiert ist, muss dieser den Bericht innerhalb eines halben Jahres abliefern. Wann es zum Prozess kommen könnte, ist noch völlig offen.

Suchte Marie wirklich «Kunden?»

Der mutmassliche Täter hatte Marie einige Wochen vor der Tat im Internet kennengelernt. Die Staatsanwaltschaft nimmt deshalb auch die sozialen Netzwerke unter die Lupe.

Eines seiner Nutzerkonten konnte beschlagnahmt werden. Andere Daten lassen auf sich warten. Die Waadtländer Staatsanwaltschaft stellte bereits im Juli 2013 bei Google+ in den USA einen Antrag auf den gesamten Inhalt des Nutzerkontos. Bis heute wartet Cottier darauf.

Von der Hauptseite von Maries Blog hatte eine vieldeutige Passage zu reden gegeben, wonach sie «Kunden» suche. Danach kamen Gerüchte auf, dass die 19-Jährige sexuelle Dienste angeboten haben könnte.

Hat Claude D. Maries Blog manipuliert?

Für Jacques Barillon, den Anwalt der Familie des Opfers, ist es sehr wahrscheinlich, dass der Blog von Marie manipuliert wurde, auf jeden Fall seit der Begegnung mit dem späteren Täter. Barillon kündigte weitere Untersuchungen in diese Richtung an.

Gemäss Barillon zieht der Täter das Opfer durch den Schmutz und habe sich auch der Tatrekonstruktion verweigert. Der Angeklagte schmachte öffentlich in Reue und Schmerz, gegenüber den Ermittlern verhalte er sich jedoch ganz anders. Er gebe sogar zu verstehen, dass Marie sterben wollte und dass dies zweifellos das Schicksal war, dass sie verdiente, so der Anwalt der Familie.

Die Aussagen seines Mandanten würden so umgedeutet, bis sie dem Bild des Täters entsprächen, das man von ihm haben wolle, sagt hingegen Verteidiger Loïc Parein. Man müsse aber alle Umstände kennen, um die Tat beurteilen zu können.

Der verurteilte Frauenkiller tötete Marie im Strafvollzug

Das Drama hatte am 13. Mai 2013 seinen Lauf genommen. Der Mann entführte bei Payerne VD die 19-jährige Marie, die er über das Internet kennengelernt hatte. Am Tag darauf wurde der Mann verhaftet. Er hatte bereits 1998 seine damalige Ex-Freundin entführt, vergewaltigt und getötet.

Nachdem er zwei Drittel der Haftstrafe von 20 Jahren verbüsst hatte, befand er sich seit August 2012 im Hausarrest. Er führte die Polizei zu der Leiche, die sich in einem Wald bei Châtonnaye FR befand. Das Tötungsdelikt erschütterte die Schweiz und löste eine Debatte über den Strafvollzug aus. (SDA)


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